Wie der alte Christian Weihnachten
feierte
Paula Dehmel
"Kind," sagte am Vortage des Weihnachtsfestes meine gute Mutter zu
mir, "Kind, geh, bring' dem alten Christian seine Kuchenstolle und dieses
Packet. Sag', ich ließ' ihn schön grüßen, und er
möchte das Fest und das neue Jahr gesund und ruhig verleben. Diesmal
wär' zuviel Arbeit, ich könnt' nicht selber abkommen."
Ich blickte etwas erstaunt und beunruhigt von meinem Buche auf. Ich kannte den
mürrischen alten Waldhüter recht gut; wie oft hatte ich mich als
kleines Mädchen vor seinem großen rostigen Schnurrbart
gefürchtet, wenn er uns beim Beerensuchen auf verbotenen Plätzen
überraschte und uns mit seinem Brummbaß aufschreckte und davonjagte.
Jetzt freilich hatten wir ihn nicht mehr zu fürchten, denn er war schon
seit zwei Jahren pensioniert. Nach dem Tode des alten Försters, dem er
sehr ergeben war, hatte auch er um seine Entlassung gebeten. Das Reißen
in den Füßen sei zu arg, meinte er, er könne nicht mehr
stundenlang im Walde umherlaufen; und mein Vater, der Arzt im Städtchen
war, hatte ihm das gewünschte Attest ausgesellt. Seitdem hatten wir einen
neuen Förster und einen neuen Waldhüter, und beide nahmen es nicht so
genau mit uns Kindern. Der alte Christian Merkenthin aber zog zur Witwe Klemm
draußen in der Vorstadt, die dem Walde am nächsten lag, und
ließ sich selten blicken. Zu ihm sollte ich nun gehen.
Meiner Mutter, der meine Unruhe nicht entgangen war, lächelte: "Geh'
nur, Kind, er ist in seiner Stube anders als du ihn sonst kennst, und du bist
schon groß und verständig genug, um deine Freude an dem
prächtigen alten Manne zu haben."
Ich nahm meinen Mut zusammen, als ich die gute Mutter so reden hörte,
klappte mein Buch zu, langte Hut und Mantel vom Riegel und machte mich
gehbereit. "Wenn du dem Christian ein wenig Gesellschaft leisten willst,
kannst du das gerne tun," sagte meine Mutter noch, indem sie mir sogleich
die Pakete in den Arm legte, "um sechseinhalb Uhr wird beschert, da musst
du wieder hier sein."
Ich nickte still, sagte ihr Lebewohl und ging mit leiser Neugier im Herzen und
etwas Bangigkeit die Hauptstraße der Stadt hinunter. Ich beschleunigte
meine Schritte und war bald aus der Häuserreihe heraus.
Die Wiesen, die sich bis zum Waldrande ausbreiteten, lagen im tiefen Schnee,
und auf den kahlen Ästen der Kirschbäume, die die Chaussee
begrenzten, hockten und flatterten Hunderte von Krähen, die wohl vergebens
nach Futter suchten. An den beiden verschneiten Kornmühlen vorbei, die
leise im Winde knarrten, kam ich mit rotgefrorener Nase und steifen Fingern
endlich bei dem Häuschen der Witwe Klemm an, wo mich ein kleiner schwarzer
Spitz mit wütendem Gebell ansprang. Die Frau des Hauses, die auf sein
Kläffen herauskam, rief ihn zurück und maß mit großen
Augen den unerwarteten Besuch. Auf meine Bitte führte sie mich jedoch
bereitwillig die steile Holztreppe hinan auf den kleinen mit frischen Sand
bestreuten Flur, wo sie an einer der Türen klopfte. Ohne lange das Herein
abzuwarten, öffnete sie, steckte den Kopf in die Spalte und meldete:
"Eine kleine Jungfer wünscht Euch zu sprechen, Herr Merkenthin,"
worauf sie die Tür weit aufsperrte und mit einem schnellen neugierigen
Blicke verschwand.
Dichter Tabaksqualm umfing mich, als ich zögernd näher trat und die
Tür hinter mir zuzog; und zuerst sah ich weiter nichts, als die mir
wohlbekannte, aufrechte Gestalt mit der Jagdjoppe und den hohen Wasserstiefeln,
die er, wie ich sah, auch im Hause trug. Auf sein knurriges, doch nicht gerade
unfreundliches: "Na, was bringst denn du?" kam ich mutig näher
und legte meine Pakete auf den Tisch.
"Das schickt Euch Mutter, Herr Merkenthin, und Ihr möchtet es nicht
übel nehmen, wenn sie diesmal nicht selber käme, es wäre zuviel
im Hause zu tun." Der Alte hatte unterdessen die Stolle ausgewickelt und
die Strickjacke und die Strümpfe mit kritischen Blicken gemustert. Die
Besichtigung schien zu seiner Zufriedenheit ausgefallen zu sein, denn er legte
alles wie zärtlich unter den kleinen Tannenbaum, der auf einer
weißen Serviette auf der Kommode stand, versenkte sich in Betrachtung
seiner Schätze oder hing sonst seinen Gedanken nach; jedenfalls schien er
meine kleine Anwesenheit ganz vergessen zu haben.
Meine Augen hatten sich indessen an den Rauch gewöhnt, und ich ließ
sie nun in dem kleinen Zimmer umherwandern. Die Wand, an der ich lehnte, wurde
fast ganz von einem großen schwarzen Ledersofa ausgefüllt, das mit
seinem eingesunkenem Sitz und seinen breiten Armlehnen gewiss von
Urgroßmutter Zeiten herstammte. Neben mir, auf einer der Lehnen, lag eine
große graue Katze zusammengerollt und schlief. Ich streichelte ihr dickes
Fell, da erhob sie sich langsam, machte einen Buckel und gab mir deutlich zu
verstehen, dass sie noch mehr gestreichelt sein wollte. In demselben
Augenblicke flatterte etwas über mir, und als ich hochsah, kam ein
größerer Vogel und setzte sich auf meine Schulter.
Der alte Christian drehte sich um und brummte: "Magst du Tiere leiden,
kleine Doktorn?" Ich nickte eifrig und stand ganz still, um den kleinen
Gast auf der Schulter nicht zu verscheuchen. Des Alten Stimme wurde jetzt etwas
sanfter: "Ich mag eigentlich keine Vögel im Zimmer; was in den Wald
gehört, soll im Walde bleiben, aber der Bengel will nicht wieder fort,
trotzdem der gebrochene Flügel lange auskuriert ist. Es ist ein Star und
ein kluger Vogel," fügte er hinzu, und ich sah, wie seine Augen
liebevoll nach dem Tierchen hinblickten.
"Verträgt er sich denn mit der Katze?" fragte ich. "O, mein
Peter weiß schon, wieweit er gehen darf," knurrte der Alte,
"und allein lass ich die beiden nicht, einer von ihnen spaziert in die
Küche, wenn ich fortgehe; aber nun setz' dich doch auf das Sofa, du hast
einen weiten Weg gehabt in der Kälte, ich will dir was Warmes zu trinken
holen."
Er verschwand durch die Tür, und ich streichelte abwechselnd den Vogel,
der ruhig auf meiner Schulter blieb, und die Katze, die sich wohlig an meinem
Ärmel rieb. Eine geschnitzte Wanduhr tickte laut, und über mich kam
ein warmes Gefühl von Heimlichkeit und Weihnachtsfreude. Die Tannenzweige,
die hinter dem kleinen Spiegel über der Kommode steckten, und das mit
weißen Lichtern geschmückte Bäumchen verbreiteten einen lieben
Duft, selbst der Tabaksqualm kam mir nun recht gemütlich vor. Christian
kam mit einem Glase Grog aus der Küche; legte einen Pfefferkuchen auf ein
vergoldetes Tellerchen, das er aus der obersten Kommodenschublade nahm, und
reichte mir beides. Der alte Mann sah recht hilflos und ungeschickt dabei aus,
aber mir gefiel es, und mein junges Herz fing an, den bärbeißigen
Geber zu verstehen und zu lieben, wie nur Kinder lieben können, schnell
und unmittelbar. Ich wollte ihm eigentlich sagen, dass uns solche Getränke
verboten seien, fürchtete aber ihn zu kränken und schwieg. Tapfer
trank ich die scharfe heiße Brühe, im stillen hoffend, dass meine
Eltern es mir verzeihen würden. War ich doch damals schon zwölf oder
dreizehn Jahre alt, und begriff, das Recht und Unrecht nicht so leicht zu
sondern sind wie Äpfel und Nüsse, und dass man sein Herz so erziehen
muss, dass es ohne große Mühe das kleinere Unrecht und das
größere Recht herausfühlt.
Der alte Christian sah befriedigt zu, wie ich schluckweise trank und meinen
Pfefferkuchen mit der Katze und dem Star teilte. Plötzlich sagte er:
"Hast du Zeit, eine Stunde mit mir in den Wald zu gehen? Du kannst mir
tragen helfen." Ich nickte und sah ihn erwartungsvoll an. "Nun
ja," fuhr er fort, als er meine fragenden Augen sah, "nun ja, die
Kreatur soll doch auch wissen, dass Weihnachten ist." Damit nahm er den
Starmatz von meiner Schulter, ging in die Küche, und ich hörte an
seinem Zureden, dass er den Vogel in seinen Bauer sperrte. Mir brannten die
Backen vor Freude; ich ahnte wohl, was der alte Waldhüter, der sein halbes
Leben in Gemeinschaft mit den Tieren des Waldes zugebracht hatte, tun wollte,
und ich war glücklich, dieser seltsamen Bescherung beiwohnen zu
dürfen. War ich doch von klein auf daran gewöhnt, auch die Tiere als
Gottesgeschöpfe zu betrachten, sie zu schonen und zu lieben, wie ein
erwachsener Bruder seine unmündigen Geschwister schonen und lieben soll.
Als der alte Christian gleich darauf mit seiner Pelzmütze, den
Wasserstiefeln und einem Sack über der Schulter wieder in die Wohnstube
trat, glich er ganz und gar dem Weihnachtsmann aus den Märchen, und ich
ließ mir wie im Traum den vollgepackten Henkelkorb über den Arm
hängen. Er nahm noch einen Spaten und mehrere Tannenzweige mit und schritt
mir voran und die Treppe hinab. "Adjes, Frau Klemm," rief er durch
die halboffene Küchentür seiner Wirtin zu, "In ein bis zwei
Stunden bin ich wieder da." "Gut, Herr Merkenthin," klang es
zurück, und ich ging und öffnete die Haustür. Der Spitz
ließ uns mit leisem Knurren passieren. "Die Menschen sind auch
misstrauisch, warum sollte es das Viehzeug es nicht sein," sagte mein
Begleiter, "ihm kommt noch mehr Übles zu als unsereinem," und
damit schritten wir der ungefähr eine Viertelstunde entfernten Schonung
zu.
Die Sonne neigte sich schon tief nach Westen und stand wie eine blutrote
Scheibe am Himmel; ein kühler Wind strich über die Felder. Wir
mussten am Ortskirchhof vorbei, und mein Blick streifte die in tiefen Schnee
gebetteten Gräber. Nie war ich bisher im Winter hierher gekommen; ich
kannte den Kirchhof nur voller Grün und Blumen, und eine Ahnung von der
Feierlichkeit alles Gewesenen streifte meine junge Seele.
Der alte Christian war stehen geblieben. "Warte ein paar Minuten,"
sagte er, "ich bin gleich wieder hier." Damit stellte er den Sack
neben mich, nahm den Spaten und die grünen Zweige und verschwand hinter
der eisernen Pforte. Ich sah ihm nach. Ein Schwarm Krähen flog bei seinem
Eintritt in die Höhe, und ich verfolgte mit meinen Blicken die Vögel,
wie sie krächzend dem Walde zuflogen. Ob die Tiere auch etwas vom Tode
wussten? . . .
Aus dem Hause des Totengräbers, der ein Stück weiter die Straße
hinauf wohnte, klang plötzlich doppelstimmig: "O, du fröhliche,
o, du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit," und mein bewegliches
Kinderherz streifte mit einem Lächeln die kleine Wehmut ab und wurde
wieder hell und weihnachtsfröhlich, als gäbe es keine Kirchhöfe
und keine hungrigen Krähen mehr auf der Welt. Jetzt kam auch der alte
Christian zurück, aber ohne die grünen Zweige. "Hab' meiner
guten Frau und der kleinen Käte da drin bloß sagen wollen, dass ich
am Weihnachtsabend an sie denke," brummte er, nahm, ohne mich weiter
anzusehen, seinen Sack auf und ging etwas schneller als vorher dem Walde zu.
Ich ließ ihn vorausgehen und horchte auf den Klang des Weihnachtsliedes,
der noch eine ganze Weile mit uns mitging; mir war, als wäre ich in der
Kirche. Ich hätte dem alten Manne, der seine liebsten Menschen hatte
begraben müssen und nun allein unter dem Weihnachtsbaum stehen würde,
so herzlich gern etwas Liebes gesagt; aber ich wusste nicht, wie ich das
beginnen sollte, und so ging ich schweigend hinter ihm her. Unvermutet kam mir
da meine liebe Mutter in den Sinn; ich begriff, warum sie gerade dem alten
Christian heut eine Herzensfreude bereiten wollte, und eine große
Dankbarkeit überkam mich, ein neues schönes Gefühl von Liebe und
Erkenntnis.
Der Wald, der sich jetzt vor uns ausbreitete, kam mir in seiner weißen
Einsamkeit fast schöner vor als im Sommer. Der Wind hatte sich gelegt, wir
hörten nur den weichen Ton unserer Schritte und dann und wann ein leise
Knacken im Holze, dass von dürren Ästen herrührte, denen die
Schneelast zu schwer geworden war.
Christian blieb stehen: "Nun wollen wir unsere Weihnachtstische
herrichten," sagte er, nahm seinen großen Sack von den Schultern und
band ihn auf. Was da nicht alles zum Vorschein kam! Hammer und Zange, Bindfaden
und Nägel, Messer und Schere; und wozu er wohl alle die Strohmatten und
zugespitzten Stäbe brauchen würde, die er aus den Tiefen des Sackes
hervorholte. Meine Neugierde sollte bald gestillt werden, denn ich musste
meinen Korb hinsetzen und ihm bei seiner wunderlichen Arbeit behilflich sein.
Da, wo dichtes Astwerk den Schnee abgefangen hatte, so das der Boden nur wenig
damit bedeckt war, bauten wir unsere Speisekammern. Zwei Ecken einer Matte
banden wir etwa meterhoch an einem Baumstamm fest, während die beiden
anderen Ecken auf zwei in der Nähe eingebohrten Pfählen befestigt
wurden.
So entstand ein gedeckter kleiner Raum, der den hungrigen Tieren gut
zugängig war. Wir säuberten ihn vollends vom Schnee, und nun kam auch
mein Korb und sein Inhalt an die Reihe. "Hier am Waldrand hält sich
Meister Lampe gern auf," sagte der alte Christian; dabei langte er
Kohlblätter und Rüben aus dem Korbe, um sie dem Häschen
aufzubauen um ihm etwas seinen Winterhunger zu stillen. "Es ist ein
Jammer, wie viel gutes unnütz auf dem Kehrrichthaufen verkommt",
fügte er hinzu, "Wo doch so viel dankbares kleines Gesindel in der
Welt umherläuft, ja, ja, der Mensch denkt kaum an seinesgleichen, wie
sollte er der Kreatur gedenken." Ich nickte ernsthaft und nachdenklich,
und dann gingen wir weiter.
Alle fünfhundert Schritte etwa schufen wir ein neues Tischlein-deck-dich.
Aber nicht bloß für die Hasen, auch für die Vögel wurde
liebevoll gesorgt. Futterkästen mit allerlei Samen, Sonnenblumen- und
Kürbiskernen wurden in Ast und Strauch untergebracht; Talgklöße
und Speckschwarten, ja ein paar ganze Gänsegerippe und Bratenkeulen
mussten sich die Bäume aufbinden lassen. "Die sind für die
Meisen und Spechte, auch für die Rotkehlchen und das andere kleine
Viehzeug, denen der Flug übers Meer zu weit ist," meinte der
Christian; "hoffentlich naschen ihnen die Krähen und Dohlen nicht das
beste weg. Aber die wollen doch auch leben," fügte er leise hinzu,
"auch dem Bösesten knurrt der Magen, ja, wenn der Hunger nicht
wäre, wenn der Hunger nicht wäre!"
So stapften wir weiter durch den dichten Schnee, und während unser
Gepäck immer leichter wurde, wurden unsere Herzen immer heller und
weihnachtsfreudiger, und ich weiß nicht, wie es kam, plötzlich war
mir das schöne Lied auf den Lippen, und ich sang es leise vor mich hin:
"Es ist ein Reis entsprungen aus einer Wurzel zart . . ."
Der Alte hörte andächtig zu, und als es zu Ende war, wiederholte er:
"Mitten im kalten Winter - ja, mitten im kalten Winter, da blüht's
oft drinnen am besten auf, aber das wirst du nicht verstehen, kleine
Doktorn."
Nein, ich verstand es damals noch nicht, jedoch ich fühlte, dass der alte
Christian was Liebes damit meinte, und fasste nach seiner alten runzligen Hand.
Das Schönste vom Tage sollten wir aber noch erleben. In einer Lichtung
stand plötzlich ein großer Hirsch vor uns, und mehrere junge Hirsche
und Hirschkühe kamen hinter ihm her. Er hob den Kopf mit dem schönen
Geweih und sah uns klug und furchtlos an. Auf das leise Pfeifen des Alten kam
er zutraulich näher und das ganze Rudel mit ihm. Wir warfen ihnen Brot und
Kartoffeln zu, die sie sogleich verzehrten, ja, der große Hirsch wurde so
dreist, dass er aus meiner ausgestreckten Hand ein Stück Brot nahm, und
ihr könnt euch gewiss denken, wie sehr ich mich darüber freute.
"Es ist Schonzeit, da weiß die Kreatur, dass sie was riskieren
kann," brummte der Alte; aber auch aus seinen umbuschten grauen Augen
zuckte die Freude über das hübsche Bild.
Das schrille Geläute eines Schlittens, der auf der nahen Landstraße
daherkam, ließ unsere lieben Gäste jäh auffahren und die Flucht
ergreifen. Ich sah ihnen bedauernd nach. "Sie sind schon wieder her,
kleine Doktorn," sagte Christian, "hier ist seit vielen Jahren ihr
Futterplatz."
Nun sah ich erst, dass etwa hundert Schritte von uns ein kleines festes
Strohdach auf Pfählen aufgerichtet war, und dass noch geringe Futterreste
verstreut umherlagen. Mein Begleiter nahm aus dem Korbe reichlich
Rosskastanien, Eicheln, getrocknete Lupinen und das noch übrige Brot und
baute es dem Wilde als Weihnachtsgabe auf. "Kommen die Rehe auch
hierher?" fragte ich und hoffte im stillen auch diese hübschen Tiere
nah bei sehen zu dürfen. "Nein, denen müssen wir woanders
bescheren," meinte der Alte, "die haben eine feine Nase und lieben
den Hirschgeruch nicht. Und kiesätig ist die Bande auch," fügte
er hinzu, "wenn sie nichts Grünes mehr finden, fressen sie
höchstens ein bisschen Korn und feines Heu, na, sie sollen auch ihr
Teilchen kriegen. Aber aus der Hand werden sie dir wohl kaum fressen, du kleine
Hexe, es ist ein furchtsames Chor; komm, ich weiß die Stellen, wo sie
gern äsen, sie sollen heute auch was extra Leckeres haben."
Wir gingen noch etwas tiefer in den Wald und fanden bald an einer ziemlich
versteckten kleinen Lichtung Spuren von Rehwild und einen ähnlichen
Futterplatz wie zuvor. Hier legten wir Korn und Heu nieder und verhielten und
eine Weile mäuschenstill; die kleinen Gäste wollten sich aber nicht
blicken lassen.
"Morgen früh werden sie die Bescherung schon finden,"
schmunzelte der Alte und band noch den Rest unserer Vorräte für die
Vögel in die Bäume.
Es war auch mittlerweile Zeit geworden, an den Heimweg zu denken. Die Sonne war
lange untergegangen, und nur der Schnee leuchtete uns aus dem Dickicht hinaus.
Es war empfindlich kalt geworden, ich schlug den Mantelkragen hoch und steckte
die fast erstarrten Hände in die Ärmel.
"Komm nur, kleine Doktorn," tröstete mich mein Begleiter,
"der Schneiderwirt wohnt nicht weit von hier, der hat einen feinen
Schlitten, und hastenichtgesehn sind wir zu Hause, das wäre doch noch ein
Extra-Weihnachtsspaß, wie?" Und damit zog er mich frierende kleine
Person durch das Gewirr der Stämme auf nur ihm bekannten Pfaden
vorwärts, und bald waren wir auf der Landstraße. Hier
grüßte uns schon von weitem das grüne Licht einer Laterne, die
zum Wirtshaus zum Bären gehörte. Peter Holtzen, ein früherer
Schneider, hauste darin, und man nannte ihn in der ganzen Gegend den
Schneiderwirt. Wir traten mit Behagen in die warme Wirtsstube, und die gute
Mutter Holtzen zog mir gleich die nassen Schuhe und Strümpfe aus und hing
sie über die Messinghaken, die in den riesigen grünen Kachelofen
eingeschraubt waren. Meine nackten Füße steckte sie in warme
Pantoffeln, brachte mir eine Tasse heiße Milch, und nach ein paar Minuten
wusste ich nichts mehr von Frost und Kälte.
Der alte Christian trank ein Glas Warmbier, rauchte dazu sein Pfeifchen und
plauderte mit Peter, dem Schneiderwirt, über die Schlachten bei Wörth
und Sedan, und wie kalt es in diesem Winter gewesen war; und ich hörte den
beiden alten Soldaten mit Interesse zu.
"Bist `ne wackre Dirn, " sagte der alte Christian zu mir, als wir
eine halbe Stunde später in dem hübschen Wirtsschlitten unter
lustigem Geläute nach Hause fuhren, "bist `ne wackre Dirn, kleine
Doktorn, ich ließ das Vater und Mutter extra bestellen und viele
Grüße und schönen Dank dazu." Damit sprang er vor seiner
Tür aus dem Schlitten, winkte noch mal mit der Pfeife, und der Kutscher
fuhr weiter meinem elterlichen Hause zu. Ich lief die Treppe hinauf und fiel
meiner Mutter um den Hals. Mein Herz war zu voll; erst nach und nach konnte ich
von allem erzählen. Aber nie zuvor hatten mir die Lichter am Tannenbaum so
hell gestrahlt, und nie zuvor hatte ich Eltern und Geschwister so lieb gehabt
wie an diesem Weihnachtsabend!
Zwischen dem alten Christian und mir entspann sich seit jenem Tage eine
wirkliche Freundschaft, die bis zum Tode des alten Mannes dauerte. Oft
saß ich an freien Nachmittagen in seinem Stübchen, las ihm die
Zeitung vor oder beschäftigte mich mit seinen Haustieren, für die ich
meist diesen oder jenen Leckerbissen bereit hielt. Am Tage vor Weihnachten aber
gingen wir regelmäßig in den Wald, um die Tiere zu füttern, und
ich sammelte schon Wochen vorher für unsere Lieblinge.
Manch ein echtes und kluges Wort ist damals aus dem Munde des alten Christian
in meine Seele geglitten und hat dort eigene Weihnachtskerzen angezündet,
die hell und lieblich auf meinen Lebensweg leuchteten.
Paula Dehmel, 1862 - 1918 |
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